Die BernhardinerInnen

Die Obsessionen der Thomas Bernhard VerehrerInnen von Anna Hauer

Thomas Bernhard, der Geheimnisvolle, der Unnahbare, der Zürnende, der Leidende, der Lebenslustige, der Bedürftige, der Ablehnende, der Standesbewußte, die mediale Kunstfigur hat eine Unzahl von VerehrerInnen angezogen, deren Begeisterung wundersamste Blüten getrieben hat:

Da ist die Frau, die Bernhard immer neue Rezepte geschickt hat, um so Eingang in die Literatur zu finden, wenigstens als Fußnote in der Literaturgeschichte.

Die italophile Dreißigjährige, die immer aufblüht, wenn sie den Brenner überquert, wo alles besser ist. Der Cafe, das Klima, die Männer, das Leben. Sie, die immer weg will und es nicht schafft, dort zu bleiben, ist fasziniert von den „Weggehern“ bei Thomas Bernhard.

Der „Salzkammergutler“, der früher immer auf den Eigenbrötler Bernhard geschimpft hat, nie verstand, was da die Städter auf dem Land gesucht haben, wenn sie ums Gehöft geschlichen sind. Nun hat auch er die Bewunderung für Bernhard entdeckt.

In einem anderen Raum spricht die Schauspielerin mit ihren ausgestopften Tieren über all das, was sie unternommen hat, dass Bernhard auch für sie einen Monolog schreibt.

Der in nichtssagender Konversation geübte Schweiger, dessen Worte sich verflüchtigt haben und dem sich die Bernhard´schen Sätze aufdrängen, bedrängen, in ihn eindringen.
Eine moderne Kaspar – Hauser – Geschichte.

Die schnüffelnde Garderobiere, die durch die jeweilige Farbe und den Geruch der abgegebenen Kleidungsstücke angeregt wird, ihre Ansichten über die diversen Bernhardfiguren, deren Problematik eng mit ihrer eigenen Biografie verquickt ist, kund zu tun.

Der Nach 68-iger, der sich immer noch der Wahrheit und nur dieser verpflichtet fühlt und im Parteiensumpf unterzugehen droht. Wenn ihm die Worte ausgehen, hat er immer ein Zitat von Bernhard zur Hand, das nichts von seiner damaligen Gültigkeit eingebüßt hat.

Die Vorleserin, die ihren Damen nur aus Bernhards Frühwerken vorlesen darf, als Heilmittel gegen Depression und Einsamkeit. Als Dank erhält sie ein Bernhardrätsel.

In einem Raum trainiert die verhinderte Tänzerin. Sie ist fasziniert von der Bewegungslosigkeit in Thomas Bernhards Werken, für sie die höchste Kunst des Tanzes.

Die Archivarin, die Bernhard, da er sich nicht mehr wehren kann, zum Dialog nötigt, um endlich das bei ihrer ersten Begegnung aufgetretene Missverständnis aufzuklären.

10 Monologe in 10 unterschiedlich gestalteten Räumen.
Dem Publikum erscheint in einiger Entfernung eine Gruppe von 7 Frauen und 3 Männern.
Ein leicht anschwellender und wieder leiser werdender Klangteppich ist vernehmbar.

Je mehr sich das Publikum dieser illustren Schar nähert, desto mehr entfernt sie sich, lässt die Distanz nicht geringer werden. Lockend ziehen die „BerhardinerInnen“ das Publikum hinter sich her, verführen es in ihr privates Domizil .
Das Publikum, durch die Räumlichkeiten der jeweiligen Örtlichkeit wandelnd, trifft selbst die Wahl, in welcher Reihenfolge es am obsessiven Ausleben der Verehrung teilhaben will.
Das Finale, der Schlusschor der BernhardinerInnen, beendet die Karussellfahrt der Verehrung.

Dieses Kaleidoskop der Begeisterten gibt Einblick in eine fiktive Rezeptionsgeschichte.

Thomas Bernhard wurde Zeit seines Lebens verehrt und abgelehnt. Dies veränderte sich nach seinem Tod nur mit wenigen Ausnahmen. Die Begeisterung für ihn und sein Schreiben nährte sich durch Mythen und Anekdoten, die um ihn herum entstanden, provoziert durch seine Skandale in der Öffentlichkeit und seiner privaten Zurückgezogenheit.
Durch die Lektüre seiner Romane und seiner Stücke maß man sich an, ihn zu verstehen, zu begreifen, ihm nahe zu kommen.
Sein Schreiben versuchte man aus dem fragmentarischen Wissen um seine Biographie zu interpretieren. Ein Versuch, der nur fehlschlagen kann, da die Gleichsetzung von Leben und Fiktion zu einem großen Missverständnis führt.
„Was wir heute „Thomas Bernhard“ nennen, ist auch eine mediale Kunstfigur, deren „Eigenes“ unter einer Flut von Simplifikationen zerstört worden ist.“
Alfred Pfabigan: Thomas Bernhard. Ein österreiches Weltexperiment. 1999.S.11

Natürlich ist das Leben und Schreiben Ausgangspunkt und Nahrung für die Verehrung einer Person, hat aber im Grunde nur bedingt damit zu.
Die „VerehrerInnen“ holen sich, was ihnen ein Bedürfnis ist.
Sie sehen in Thomas Bernhard nur das, was sie sehen wollen, wofür sie ihn brauchen, welche Projektionsfläche er ihnen bietet.

„Man weiß nie, wer man ist. Es sagen einem ja die anderen, wer und was man ist, nicht? Und weil es einem millionenmal gesagt wird, wenn man ein längeres Leben hat, weiß man überhaupt nicht mehr, wer man ist. Jeder sagt etwas anderes. Man selbst sagt auch jeden Augenblick etwas anderes.“
Th. Bernhard in W. Schmied: Thomas Bernhards Häuser.1995. S.73
Besonders in den letzten Jahren „setzte er seine Legende in Szene “, so Sepp Dreissinger im
Porträt über Thomas Bernhard (S.11)

Thomas Bernhard zog durch seine Widersprüchlichkeit eine Unzahl von VerehrerInnen an, die durch ihr obsessives Ausleben der Verehrung einen Rahmen fanden, ihre Emotionen freisetzen zu können.
In den „BerhardinnerInnen“ manifestieren sich in den verschiedenen Charakteren die unterschiedlichsten Facetten des „Bernhard´schen Gesamtkunstwerkes“.

7 D / 3 H